Meine Haltung und ich

Wie ich zur personzentrierten Beratung kam, oder sie zu mir

Vor einigen Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich einmal selbst Beratungen anbieten würde. Ich steckte fest in einer unglücklichen Beziehung, war mit meinem Job unzufrieden und auch sonst hatte ich das Gefühl, das Leben eher aushalten zu müssen, als es zu genießen. Ich suchte nach Auswegen, las Ratgeber, probierte verschiedenste Ansätze und Möglichkeiten aus. Denn es war nicht so, dass ich keine Hilfe wollte. Ich wollte so gern raus aus diesem Loch, doch es schien mir immer so, als könne ich die vorgeschlagenen Methoden und Wege nicht umsetzen. Als sei ich - mal wieder - das Problem.

Genau mit diesem Gefühl stieß ich damals auf “meine” personzentrierte Beraterin. Ich kannte sie von früher, wir waren in derselben Gegend großgeworden und heimlich hatte ich sie immer ein wenig beneidet. Um ihre Offenheit, ihr Selbstbewusstsein, ihren Mut. Und dann war da der erste Kontakt, und das Angebot, mich mal von ihr personzentriert beraten zu lassen. Sie hatte damals gerade angefangen, ihre Praxis nebenberuflich aufzubauen. Ich dachte mir “verlieren kann ich ja nix”. Und buchte. Und fuhr hin. Anderthalb Stunden damals.

Da saß ich dann. Mit viel Druck, weil ich ja schon so viel Therapieerfahrung hatte, und wollte alles “richtig” machen. Einen Knallereinstieg quasi. Direkt alles auf den Punkt. Und bloß auch zeigen, dass ich ja eigentlich schon weiß, wo das Problem ist: das bin ich ja selbst. Ich erzählte, dass ich nichts zu Ende bringen könne und wie anstrengend ich sei, dass es schwierig sei, mich auszuhalten. Und mir begegnete… Mitgefühl.

Kein “Ja das kommt wahrscheinlich von…” oder “Naja, da haben die anderen auch…” oder “Hast du es denn schonmal so…”, sondern einfach Mitgefühl. Um ehrlich zu sein, konnte ich damit erstmal nicht so gut umgehen. Ich hatte gelernt, dass ich mich einfach ein bisschen über mich selbst lustig mache, weil ich mich so anstelle und dann weiter daran arbeite, doch irgendwie anders zu werden. Aber nicht dort. Dort durfte ich einfach nur sein. Und es war unglaublich befreiend.

Heute kann ich gar nicht mehr sagen, wie viele Sitzungen ich hatte. Es waren ein paar, vielleicht sieben oder acht. Und worum es genau ging, weiß ich auch nicht mehr. Aber ich kann noch nachspüren, wie sich etwas in mir verändert hat. Wie etwas in mir angefangen hat wieder ganz zu werden, von dem ich nicht mal wusste, dass es kaputt war.

Und das ist mein Antrieb und meine Antwort auf die Frage “Warum personzentriert?”

Natürlich kann ich auch was über die sechs Bedingungen erzählen, die erfüllt sein müssen, damit personzentrierte Beratung “funktioniert”. Oder was Spiegeln ist, oder aktives Zuhören, oder Validieren. Oder was man in einer personzentrierten Beratung auf keinen Fall tun sollte. Aber ich glaube, das ist gar nicht so wichtig. Denn ich kann sagen “ich weiß, wie sich das anfühlt”. Egal, ob du nun ein ähnliches Thema hast, wie ich, oder nicht.

Ich möchte verstehen, wie ich verstanden wurde. Ich möchte Halt geben, wie mir Halt gegeben wurde. Ich möchte da sein, wie jemand für mich da war.

Und heute?

Heute bin ich, auch durch meine Erfahrung in der personzentrierten Beratung, in einem Job (und einer Beziehung) angekommen, den ich gern und gut mache. Ich bin People and Culture Managerin, befasse mich also auch in meinem Hauptberuf mit Menschen. Meine Weiterbildung zur personzentrierten Beraterin (zertifiziert durch die GWG e.V.) geht bald in das dritte und letzte Jahr und ich bin dort im Leben angekommen, wo ich mich wohl fühle. Es ist nicht immer alles gut oder gar perfekt. Aber es ist, genau wie ich, genug.

Mit meinem Partner lebe ich mit unserem gemeinsamen Sohn in Flierich und genieße das Leben so, wie ich es möchte, ohne mich selbst oder meine Erfolge an etwas oder jemand anderem zu messen.